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Blog #3 Die Vergangenheit holt einen ein

Aktualisiert: 3. Feb. 2023

Als Kind wuchs ich multikulturell auf. Meine Volksschulzeit war dank meiner liebevollen Lehrerin (ich weiß tatsächlich noch ihren vollen Namen!) eine wunderschöne. Wir hatten so eine tolle Klassengemeinschaft! Egal welches Geschlecht, welche Nationalität und Charaktereigenschaft die Kinder hatten, wir spielten alle miteinander. An Hänseleien kann ich mich nicht erinnern. Außer dass wir beim Völkerballspiel (abschießen mit einem Ball) gegen die andere Klasse unbedingt gewinnen wollten und hier bestimmt nicht immer nett zueinander waren. Wir hatten Kampfgeist und fetzten die Bälle gegen die anderen Klassenkinder. Ich glaube tatsächlich, dass ein paar geweint haben.

Klingt wild, aber aus dieser Rivalität entstand übrigens eine bis dato anhaltende tiefe Freundschaft mit meiner Freundin M.



Ein prägendes Ereignis dieser Zeit war allerdings ein Faschingsfest. Als mich meine wienerische Oma tatsächlich in ein chinesisches Kostüm steckte (Anmerkung: ich bin aus Asien). Damit ihr euch das vorstellen könnt: Ein Reishut aus Stroh, langen Schnauzbart und meine Haut wurde weiß (!) geschminkt. Ihr glaubt es geht nicht schlimmer? Doch. Sie gab mir einen ganzen Block Emmentalerkäse mit, den ich dann an meine Schulkollegen verteilen sollte, weil (ich scherze nicht) die Chinesen keine Milchprodukte in Asien essen! Das fand sie wohl recht lustig. Mir war das allerdings sehr peinlich. Aber stellt euch vor, die Geschichte ging gut aus, denn meine Schulfreunde liebten diesen Käse und keiner lachte mich aus.


Meine Oma war dem Ganzen nicht gewachsen. Sie hat ganz bestimmt keine Bücher über Rassismus gelesen oder im Internet geforscht, wie man sensibel mit Menschen anderer Herkunft umgeht.

Ich bin mit ca. 3 Jahren von meinem (nicht leiblichen) österreichischen Vater aufgezogen worden. Meine Oma hatte vorher nicht genug Zeit meine Mutter kennenzulernen, geschweige denn mich als Kind. Wie schockierend diese Geschichte auch sein mag, war sie trotz allem sehr stolz auf mich. Sie nahm mich zu ihren Freunden mit und führte mich als tolle Enkelin vor. Natürlich weiß ich, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung war. Damals gab es nicht sehr viele Ausländer in unserem Wohnhaus und ich war als Asiatin eine Besonderheit. Die Bewohner kannten sich untereinander. Dort stellte man mich vor und lernte mich kennen.


Eine unangenehme Zeit hatte ich dann als Teenager, wenn ich mit meinem Vater unterwegs war. Da trafen mich regelmäßig skeptische und verurteilende Blicke. Manche Menschen glaubten nämlich, ich wäre seine Frau. Irgendwann kamen von mir blöde Sprüche wie z.B.: „Net bled schaun, ich bin die Tochter." Bled reden kann ich bis heute noch sehr gut.


Diese Stereotypen gibt es heute noch im Fernsehen. Da schickt man Männer in andere Länder, damit sie eine Partnerin finden!!! Welche Botschaft will man damit vermitteln? Schrecklich, dass in diesen Zeiten noch Geld damit gemacht wird.

Thailand ist ein Teil von mir, ein Stück Herkunft. Ich bin keine Thailänderin weil ich die Sprache nicht spreche. Keine richtige Österreicherin, weil ich nicht hier geboren bin.

Und wer bin ich? DIE "Ausnahme" und ich kann es ehrlich nicht mehr hören! Ich stelle mich gerne Gesprächen, besonders mit Menschen die anders denken. Jene, die versuchen die Ausländer in gute und schlechte Menschen zu kategorisieren. „Woher kommst du?“, "Wieso sprichst du so gut Deutsch?" Gerne beantworte ich solche Fragen. Meistens mit einem Schmäh, das lockert erstmal die Stimmung.

Personen die Rechts wählen argumentieren, dass ich eine Ausnahme bin und nicht jeder Immigrant so anpassungsfähig ist. Diese Aussage fällt ihnen im Laufe des Gesprächs allerdings schwer. Ich merks ihnen an, denn irgendwie in dem Moment, bin ich ihnen sympathisch. "Du bist halt anders."

Ok, ich kann also lauter Einser im Zeugnis haben, aber es ist trotzdem irgendwie nicht gut genug!

Übrigens habe ich auch erst die deutsche Sprache im Kindergarten gelernt, da ich mit 3 Jahren herkam. Dafür habe ich einen Teil meiner Identität verloren. Ich habe verlernt wie man Thai spricht. Jetzt sehen mich also auch die Thailänder:innen blöd an, wenn ich kein Wort Thai spreche.

Wir haben noch jede Menge Aufklärungsarbeit vor uns! Darum ist es so wichtig uns zu begegnen und darüber zu sprechen. Gehen wir aufeinander zu und treffen wir uns im Idealfall in der Mitte.


Buchtipps:

- Das kleine ICH BIN ICH von Mira Lobe

- Buchreihe: Das kleine WIR, WIR alle

- Steck mal in meiner Haut! Von Saskia Hödl

- Alle anders- Das sind wir! Von Felicity Brooks

- Ich bin anders als du von -Constanze

- War das jetzt rassistisch? Von Black Voices







„Eine Voraussetzung für den Frieden ist der Respekt vor dem Anderssein und vor der Vielfältigkeit des Lebens.“


(Dalai Lama)

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